Charlotte Krafft im Interview Charlotte Krafft bei den Dülmener Wildpferden
© Münsterland e.V.
Charlotte Krafft im
Interview

"Kultur auf dem Land ist mehr als Töpferkurse und Window-Color-Kunst"

Anfang März musste stadt.land.text-Regionsschreiberin Charlotte Krafft ihre Residenz im Münsterland krankheits- und corona-bedingt abbrechen. Seit Mitte Mai ist sie nun zurück, ihre ersten Stationen: Dülmen und Warendorf. Im Interview spricht sie über die umtriebige Kulturszene auf dem Land, schmerzende Fahrradsättel und das Verhältnis von Natur und Kultur.

Wie war es für dich, im März deine Residenz vorzeitig abbrechen zu müssen?

Ehrlich gesagt habe ich zu der Zeit weniger über meine Residenz und das Projekt als über meine Gesundheit nachgedacht. Und nach meiner Krankheit beziehungsweise während der Rekonvaleszenz-Phase war ich ziemlich glücklich darüber, bei meiner Familie und meinen Freunden zu sein. Das Bedauern kam erst später, als es mir besser ging, aber lange aufgehalten habe ich mich damit auch nicht, sondern versucht, das Beste aus der Situation zu machen.


Wie hast du dich von deiner Berliner Heimat aus mit dem Münsterland beschäftigt?

Ja, dieses Beste aus der Situation bestand zum einen in einem Aufruf an die Münsterländer, mir beim Kennenlernen der Region zu helfen, durch Anregungen, Hinweise, Geschichten usw. Das war ziemlich ertragreich. Außerdem habe ich viel recherchiert, vor allem online. Besonders angetan hat es mir die Broschüre „Erhaltende Kulturlandschaftsentwicklung im Münsterland“ des LWL und die Dokumentation „Münsterländer Parklandschaft 2.0“ zur Regionale 2016. Klingt trocken, ist es auch! Aber trotzdem interessant, wenn man erstmal angefangen hat, sich mit dem Thema Landschaftsentwicklung und -planung zu beschäftigen. In der Dokumentation schreibt zum Beispiel Hermann Grömping und bringt damit so ziemlich auf den Punkt, was mich ich auch in meinen Texten zu sagen versuche:

„Man muss sich im Klaren darüber sein, dass die Anhanglisten der europäischen Richtlinien landschaftsgeschichtlich eine historische Momentaufnahme zementieren und das ständige Kommen und Gehen von Arten ignorieren. Solange der gesellschaftliche Konsens dies will und die Eigendynamik der Populationen es zulässt, hält der Generationenvertrag. Entwicklung ist jedoch ohne Dynamik kaum denkbar. Die Dynamisierung der Systeme wäre ohne Abstriche an den europäischen Naturschutzzielen möglich.“

 

Welches Echo hat dein Online-Aufruf erfahren?

Insgesamt sind in meinem Postfach fünfunddreißig Nachrichten gelandet, ohne Spam. Zwischenzeitlich war ich fast ein bisschen überfordert mit der Menge an Ideen und Hinweisen, die mich erreicht haben. Ich hatte aber auch den Anspruch, über jede dieser Ideen und Hinweise nachzudenken, zu erwägen, ob und wie ich sie verwenden könnte – ob es sich nun um Erdbeermarmelade, Frauenschützen, Unkraut vernichtende Feld-Roboter oder den Oelder Pfingstkranz handelte. Und natürlich wollte ich allen, die mir geschrieben haben, zumindest antworten. Einige melden sich nun immer mal wieder bei mir, wenn ihnen noch etwas einfällt oder sie etwas Neues in Erfahrung gebracht haben. Und mit einer älteren Dame hat sich sogar so etwas wie eine E-Mail-Freundschaft entwickelt.

Auch wenn ich nicht alles, was mich erreicht hat, literarisch direkt verwenden kann, hat sich aus diesen verschiedenen Eindrücken doch langsam ein Bild zusammengesetzt,  wobei dieses Bild relativ heterogen ist. Es gibt aber auch, wie ich festgestellt habe, einige Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass viele Münsterländer die niedrigen AfD-Zahlen in der Region betonen. Außerdem ist man hier offenbar sehr stolz auf das reichhaltige Kulturangebot, wozu es ja auch Grund genug gibt. Also ich kenne sonst keine Region, in der jeder kleine Pups-Ort (Verzeihung) sein eigenes Kulturzentrum hat mit teilweise tatsächlich interessanten Projekten und Angeboten, und wo irgendwie fast jede*r sich auf seine eigene Weise künstlerisch betätigt.

Der/die Berliner*in oder der/die Städter*in im Allgemeinen neigt ja zu einer gewissen Arroganz dem Ländlichen gegenüber. Kunst und Kultur außerhalb urbaner Zentren kann ja nur uninteressant sein, weil provinziell, weil altbacken, weil konservativ. Die künstlerische Avantgarde lebt in der Stadt. Dass auch auf "dem Land" mehr passiert als Töpferkurse und Window-Color-Kunst, ist den meisten Städtern wahrscheinlich gar nicht bewusst. Aber, und das wird die Projektveranstalter, Leser, alle hier jetzt wahrscheinlich freuen, aber ich schwöre, ich schwöre, es ist keine Speichelleckerei, ich habe auch mit meinen Berliner Freund*innen darüber geredet: Wenn man einmal anfängt, sich für das, was hier auch kulturell passiert, zu öffnen, ändert sich diese Einstellung ganz schnell und man fragt sich: Wer ist hier eigentlich der/die Hinterwäldler*in beziehungsweise -weltler*in?

Wie geht’s dir nun, da du zurück in der Region bist?
Mir geht’s gut, abgesehen davon, dass mein Hintern immer noch enorm weh tut, weil der Fahrradsattel vom Leih-Rad extrem hart ist und ich neulich über 30 Kilometer darauf gefahren bin, und danach jeden Tag mindestens zehn, was ich absolut nicht gewohnt bin, da ich in Berlin kaum Fahrrad fahre – unter anderem aus dem Grund, dass ich Räder für gemeingefährlich halte, sowohl für Radler als auch für Fußgänger – mir ist mal eines ins Gesicht gefahren. Aber neue Orte verlangen nach neuen Gewohnheiten – also radle ich jetzt eben, mit Freude sogar, eigentlich, wäre da nicht dieser Sattel.

Außerdem fällt es mir ein bisschen schwer, mich auf ein Thema zu konzentrieren und diesem Thema eine literarische Form zu geben, weil sich immer mehr Eindrücke und Informationen und Möglichkeiten ansammeln. Neulich bin ich wie gesagt über 30 Kilometer geradelt und zwar erst durch den Wildpark Dülmen und anschließend bis zum Schloss Senden, um von dort aus nach Buldern und schließlich mit dem Zug zurück nach Dülmen zu fahren. Auf dieser Fahrt wollte ich eigentlich Eindrücke für einen ganz bestimmten Text sammeln, wurde aber immer wieder davon abgelenkt durch neue Ideen und Bilder, die gar nicht in diesen Text passen. Besagter Text ist inzwischen übrigens auf dem Blog zu lesen.


Wohin geht’s in den nächsten Wochen deiner Residenzzeit für dich?
Am Montag (25.05.2020,  Anm. d. Red.) bin ich nach Warendorf umgezogen. Hier werde ich mir auf jeden Fall die Emsauen ansehen und selbstverständlich die Altstadt. Am Freitag gibt es einen Ausflug zum Geisterdorf Morschenich und in den Hambacher Wald mit den anderen Stipendiaten von stadt.land.text NRW und Mitarbeitern der Kulturbüros. Und ansonsten radel ich ein bisschen durch die Gegend und lass mich überraschen.

Mit welchen Themen beschäftigst du dich aktuell?
Im Moment interessiert mich vor allem das Verhältnis von Natur und Kultur in der münsterländischen sogenannten Parklandschaft und die Fürsorge für natürliche und kulturelle Denkmäler beziehungsweise Denkmäler der Natureculture wie Donna Haraway sagen würde, die ich gerade lese. Eine solche Fürsorge findet, wie auch Hermann Grömping, den ich oben zitiert habe, feststellt, immer und überall, im Münsterland aber ganz besonders im Spannungsfeld zwischen Nähe/Pflege/Progress und Distanz/Schutz/Konservation statt. Dieses Spannungsfeld finde ich, ja, spannend! Daher befasse ich mich gerade ziemlich ausgiebig mit landschaftlichen Entwicklungen der letzten und kommenden Jahrzehnte, zum Beispiel damit, wie in der Vergangenheit Wallhecken errichtet wurden, die man später im Zuge der Flurbereinigung planierte und jüngst wieder rekonstruiert.


Nach deiner Online-Kontaktaufnahme kannst du nun die Münsterländerinnen und Münsterländer live und in Farbe kennenlernen. Mit wem hast du dich bisher getroffen?
Letzte Woche habe ich mich schon mit dem ehemaligen Kulturdezernenten Hans-Peter Boer getroffen und ihm meinen Fragen-Katalog zur Entwicklung der Kulturlandschaft im Raum Coesfeld vorgelegt. Diese Woche werde ich mich wahrscheinlich mal mit Hermann Grömping zusammensetzen.

Außerdem hab ich in Berlin den Künstler Carsten Lisecki kennengelernt, dem ich sicher noch mal über den Weg laufen werde. Die Akkordionistin Anja Kreysing möchte ich noch über ihren Bunker befragen und von ihrer Expertise im Bereich der Spökenkiekerei profitieren.
Ansonsten gibt es viele Leute, die mich interessieren. Aber wen ich abgesehen von den genannten noch treffen werde, hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel auch vom Zufall, von Gelegenheiten, aber auch davon, welche Text-Ideen ich weiter verfolge und welche Fragen und Interessen oder Ideen sich daraus ergeben.


Wie bewegst du dich von A nach B?
Mit dem Rad und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein paar Mal haben mich auch schon meine freundlichen Vermieter zum Bahnhof gefahren.


Worauf freust du dich besonders?
Auf die Auerochsen in den Emsauen.


Können dich die Münsterländerinnen und Münsterländer noch irgendwie unterstützen? Bzw. können sie dich irgendwo treffen, sehen?
Momentan habe ich eher zu viel Stoff als zu wenig. Was mir allerdings noch fehlt, sind Informationen zur Spökenkiekerei und konkrete Spökenkieker-Geschichten. Ich will wissen, wie diese Geschichten klingen beziehungsweise klangen, was für Figuren, Motive darin vorkamen und so weiter. Weil ich eventuell selbst eine schreiben will. Also, wer ein paar Stories auf Lager hat oder etwas weiß über die Leute mit dem zweiten Gesicht - her damit!
Sich zu treffen ist ja momentan eher schwierig. Allerdings gibt es schon einige Ideen für eventuelle Online- und vielleicht sogar Live-mit-Abstand-Lesungen.

Hinweis für Pressevertreter

Das Interview mit Charlotte Krafft kann vollständig oder in Auszügen redaktionell verwendet werden. 

Die „Route“ von Charlotte Krafft ergibt sich spontan. Wenn Sie informiert werden möchten, wenn die Regionsschreiberin in Ihrer Nähe/Ihrem Ort ist, melden Sie sich gerne bei Eva Stannigel (02571 94 93 04, stannigel@muensterland.com) oder Mareike Meiring (02571 94 93 34, meiring@muensterland.com).

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