Fliesen aus Bauschutt von Shards © Shards GmbH

Kreislaufwirtschafts-Pionier

Shards GmbH

Shards entwickelt Fliesen aus recyceltem Bauschutt und Industrieabfällen. Die Produktion kommt ohne Primärrohstoffe und fossile Energien aus und setzt auf die Wiederverwendung vorhandener Materialien.

Fliesen aus Bauschutt sind eine sinnvolle Alternative zu konventionellen Materialien: Zementfliesen verursachen hohe CO₂-Emissionen und zerstören wertvolle Karstlandschaften, Tonfliesen belasten Umwelt und Gewässer durch problematische Glasuren, und der Abbau von Naturstein greift massiv in Ökosysteme und Wasserhaushalte ein. Shards setzt dem ein Material entgegen, das Bauschutt und Industrieabfälle als Rohstoff nutzt und damit vorhandene Materialströme erneut nutzbar macht.

Wir haben uns mit der Mitgründerin von Shards, Lea Schücking, getroffen und mit ihr über die Geschichte, Vision und Zukunft des Unternehmens gesprochen.

Wie ist Shards eigentlich entstanden?

Der Ursprung von Shards Tiles liegt in meinem Produktdesign-Studium an der Kunsthochschule Kassel. 2012 belegte ich ein Upcycling-Seminar und experimentierte dort erstmals mit Bauschutt. Ich zerkleinerte alte Ziegel, mischte sie mit Recyclingglas und brannte die Masse im keramischen Ofen. Die entstehenden Materialproben zeigten mir schnell das große gestalterische Potenzial.

Der Versuch, dem Material eine feste Form zu geben, erwies sich zunächst als schwierig, sodass ich das Projekt nach der Abschlusspräsentation beiseitelegte. Ganz losgelassen hat mich das Thema jedoch nie.

2016 kam der entscheidende Impuls: die Idee, aus dem Material eine Fliese zu machen. Ich nahm die Arbeit wieder auf, verfeinerte Zusammensetzung und Brennprozesse und entwickelte nach rund anderthalb Jahren ein eigenständiges Fliesenmaterial aus Ziegel-Bauschutt und recyceltem Glas. Seitdem entsteht daraus Shards – Fliesen aus Bauschutt.

Gab es zu Beginn Zweifel daran, ob sich aus Bauabfällen hochwertige Fliesen herstellen lassen?

Am Anfang gab es keine grundsätzliche Skepsis, ob das Material funktionieren könnte. Der Ausgangspunkt war immer der Werkstoff selbst und die Frage, was er sein möchte und wofür er sich eignet. Die Idee, daraus Fliesen zu entwickeln, entstand genau aus dieser Auseinandersetzung.

Begegnet ist eher eine andere Form von Skepsis: die Frage, ob der Begriff „Fliesen aus Bauschutt“ nicht zu negativ klinge und geändert werden sollte, weil Bauschutt oft mit Müll assoziiert wird. Genau hier setzt jedoch die Haltung von Shards an. Ziel ist es, zu zeigen, dass Bauschutt ein wertvoller Rohstoff ist – und auch als solcher wahrgenommen werden sollte.

Kreislaufwirtschaft ist ein zentrales Thema bei Shards – welche Ressourcen und Emissionen lassen sich im Vergleich zu konventionellen Fliesen einsparen?

Konventionelle Fliesen bestehen meist aus Ton, Zement, Naturstein oder Glas. Die Gewinnung dieser Primärrohstoffe ist mit Eingriffen in Natur und Ökosysteme verbunden und kann hohe CO₂-Emissionen verursachen. Gleichzeitig fallen allein in Deutschland deutlich größere Mengen an Bauschutt an, als Ton neu abgebaut wird.

Mit Shards werden genau diese Abfallstoffe genutzt und in ein hochwertiges Produkt überführt. Dadurch können Primärrohstoffe ersetzt und Abfallstoffe einer weiteren Nutzung zugeführt werden. Die Produktion setzt auf die Wiederverwendung vorhandener Materialien statt auf die ausschließliche Nutzung neu gewonnener Rohstoffe.

Auch im Herstellungsprozess unterscheidet sich Shards deutlich von der konventionellen Fliesenindustrie. Die Fliesen werden im Trockenpressverfahren mit geringem Wasserverbrauch gefertigt und in elektrischen Brennöfen gebrannt. Fossile Energieträger werden im Produktionsprozess nicht eingesetzt; für die Produktion wird Strom aus erneuerbaren Energiequellen genutzt, zum Teil aus der eigenen Photovoltaikanlage.

Auf Basis verfügbarer Industriedaten zeigt sich: Im Vergleich zu herkömmlichen Tonfliesen können je nach zugrunde gelegtem Herstellungsverfahren CO₂-Emissionen, Energie- und Frischwasserverbrauch reduziert werden. Gleichzeitig werden bei Shards Primärrohstoffe wie Ton, Feldspat, Kaolin, Kalkstein oder Sand sowie bestimmte Glasurinhaltsstoffe durch eingesetzte Sekundärmaterialien ersetzt.

Sind die Shards Fliesen am Ende ihres Lebenszyklus wieder recycelbar?

Ja. Shards Fliesen sind so konzipiert, dass sie nach Ausbau oder Bruch erneut aufbereitet werden können. Sofern die Fliesen sortenrein zurückgeführt werden, können sie zerkleinert und wieder als Material in den Produktionskreislauf eingebracht werden.

Wie regional sind Rohstoffe und Produktion bei Shards organisiert?

Die Rohstoffe stammen aus regionalen und nationalen Partnerschaften, jedoch ausschließlich aus Deutschland. Der Anspruch liegt klar auf möglichst kurzen Transportwegen, auch wenn eine rein regionale Beschaffung nicht in allen Fällen umsetzbar ist.

Die Produktion der Fliesen erfolgt vollständig in Sassenberg im Münsterland.

Was zeichnet eure Fliesen in Haltbarkeit, Design und Herkunft aus – und welche Rolle spielen Recycling und Geschichte dabei?

Shards Fliesen sind in Haltbarkeit und Pflege mit herkömmlichen Keramikfliesen vergleichbar, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Ästhetik. Durch die Verwendung recycelter Materialien entsteht jede Fliese als Unikat mit natürlicher Varianz in Farbe, Textur und Oberfläche. Diese Ästhetik ist bewusst gestaltet und zugleich materialbedingt, da ausschließlich mit den Eigenschaften der Recyclingrohstoffe gearbeitet wird – ohne den Einsatz von Farbstoffen.

Darüber hinaus können Shards Fliesen am Ende ihrer Nutzung vollständig recycelt und erneut in den Produktionskreislauf eingebracht werden. Einzelne Leuchtturmprojekte zeigen bereits jetzt, wie aus Abbruchmaterial neue Architektur entsteht. Perspektivisch soll es möglich werden, auch Bauschutt aus konkreten Gebäuden zu Fliesen mit persönlicher Geschichte zu verarbeiten.

Welche zentralen Herausforderungen bestehen für nachhaltige Baustoffe in den kommenden Jahren?

Eine der größten Herausforderungen liegt im grundlegenden Umdenken im Umgang mit Bauabfällen. Bauschutt wird häufig noch als Abfall betrachtet, obwohl er ein wertvoller Rohstoff ist. Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist es entscheidend, diese Materialien als Ressource anzuerkennen.

Dem stehen derzeit rechtliche Rahmenbedingungen, fehlende Sortenreinheit und begrenzte Verwertungsmöglichkeiten entgegen. Gelingt es jedoch, Regelwerke, Prozesse und Denkweisen weiterzuentwickeln, kann Bauschutt gezielt aufbereitet, wiederverwendet und erneut in den Baukreislauf integriert werden – und dadurch den Einsatz von Primärrohstoffen reduzieren sowie je nach Aufbereitungs- und Herstellungsverfahren Energie- und CO₂-Einsparungen ermöglichen.

Was müsste sich aus eurer Sicht in Politik und Baubranche ändern, um Recycling-Baumaterialien zu stärken?

Wünschenswert wäre eine deutlich stärkere politische Förderung der Trennung, Aufbereitung und Wiederverwertung von Bauschutt. Recycling sollte für Unternehmen wirtschaftlich attraktiver sein als der Abbau neuer Primärrohstoffe.

Dazu gehört, ökologische Folgekosten von Rohstoffabbau und Transport konsequent einzupreisen und Recyclingmaterialien nicht länger als Abfall, sondern als wertvolle Sekundärrohstoffe zu behandeln. Eine solche Neubewertung könnte bürokratische Hürden abbauen und den Weg für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ebnen.

Welche Wunsch habt ihr an die Bauwirtschaft der Zukunft?

Ein zentraler Wunsch ist eine deutlich bessere Trennung von Bauschuttmaterialien, idealerweise bereits direkt auf der Baustelle. Werden Materialien von Anfang an sortenrein erfasst, lassen sie sich wesentlich einfacher und hochwertiger weiterverwerten.

Dazu befinden wir uns bereits im Austausch mit Abbruchunternehmen und Werkstoffhöfen. Perspektivisch sollen Pilotprojekte entstehen, bei denen auf Baustellen mehrere kleine Container für unterschiedliche Bauschuttfraktionen angeboten werden, statt einem großen. So können die Materialien gezielt erfasst und anschließend sinnvoll weiterverarbeitet werden.

Vielen Dank an Lea Schücking für diesen spannenden Einblick!
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Das Projekt "Kreislaufwirtschaft Münsterland" wird mit Mitteln der Europäischen Union und vom Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.