Wie war es für dich, im März deine Residenz vorzeitig abbrechen zu müssen?
Ehrlich gesagt habe ich zu der Zeit weniger über meine Residenz und das Projekt als über meine Gesundheit nachgedacht. Und nach meiner Krankheit beziehungsweise während der Rekonvaleszenz-Phase war ich ziemlich glücklich darüber, bei meiner Familie und meinen Freunden zu sein. Das Bedauern kam erst später, als es mir besser ging, aber lange aufgehalten habe ich mich damit auch nicht, sondern versucht, das Beste aus der Situation zu machen.
Wie hast du dich von deiner Berliner Heimat aus mit dem Münsterland beschäftigt?
Ja, dieses Beste aus der Situation bestand zum einen in einem Aufruf an die Münsterländer, mir beim Kennenlernen der Region zu helfen, durch Anregungen, Hinweise, Geschichten usw. Das war ziemlich ertragreich. Außerdem habe ich viel recherchiert, vor allem online. Besonders angetan hat es mir die Broschüre „Erhaltende Kulturlandschaftsentwicklung im Münsterland“ des LWL und die Dokumentation „Münsterländer Parklandschaft 2.0“ zur Regionale 2016. Klingt trocken, ist es auch! Aber trotzdem interessant, wenn man erstmal angefangen hat, sich mit dem Thema Landschaftsentwicklung und -planung zu beschäftigen. In der Dokumentation schreibt zum Beispiel Hermann Grömping und bringt damit so ziemlich auf den Punkt, was mich ich auch in meinen Texten zu sagen versuche:
„Man muss sich im Klaren darüber sein, dass die Anhanglisten der europäischen Richtlinien landschaftsgeschichtlich eine historische Momentaufnahme zementieren und das ständige Kommen und Gehen von Arten ignorieren. Solange der gesellschaftliche Konsens dies will und die Eigendynamik der Populationen es zulässt, hält der Generationenvertrag. Entwicklung ist jedoch ohne Dynamik kaum denkbar. Die Dynamisierung der Systeme wäre ohne Abstriche an den europäischen Naturschutzzielen möglich.“
Welches Echo hat dein Online-Aufruf erfahren?
Insgesamt sind in meinem Postfach fünfunddreißig Nachrichten gelandet, ohne Spam. Zwischenzeitlich war ich fast ein bisschen überfordert mit der Menge an Ideen und Hinweisen, die mich erreicht haben. Ich hatte aber auch den Anspruch, über jede dieser Ideen und Hinweise nachzudenken, zu erwägen, ob und wie ich sie verwenden könnte – ob es sich nun um Erdbeermarmelade, Frauenschützen, Unkraut vernichtende Feld-Roboter oder den Oelder Pfingstkranz handelte. Und natürlich wollte ich allen, die mir geschrieben haben, zumindest antworten. Einige melden sich nun immer mal wieder bei mir, wenn ihnen noch etwas einfällt oder sie etwas Neues in Erfahrung gebracht haben. Und mit einer älteren Dame hat sich sogar so etwas wie eine E-Mail-Freundschaft entwickelt.
Auch wenn ich nicht alles, was mich erreicht hat, literarisch direkt verwenden kann, hat sich aus diesen verschiedenen Eindrücken doch langsam ein Bild zusammengesetzt, wobei dieses Bild relativ heterogen ist. Es gibt aber auch, wie ich festgestellt habe, einige Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass viele Münsterländer die niedrigen AfD-Zahlen in der Region betonen. Außerdem ist man hier offenbar sehr stolz auf das reichhaltige Kulturangebot, wozu es ja auch Grund genug gibt. Also ich kenne sonst keine Region, in der jeder kleine Pups-Ort (Verzeihung) sein eigenes Kulturzentrum hat mit teilweise tatsächlich interessanten Projekten und Angeboten, und wo irgendwie fast jede*r sich auf seine eigene Weise künstlerisch betätigt.
Der/die Berliner*in oder der/die Städter*in im Allgemeinen neigt ja zu einer gewissen Arroganz dem Ländlichen gegenüber. Kunst und Kultur außerhalb urbaner Zentren kann ja nur uninteressant sein, weil provinziell, weil altbacken, weil konservativ. Die künstlerische Avantgarde lebt in der Stadt. Dass auch auf "dem Land" mehr passiert als Töpferkurse und Window-Color-Kunst, ist den meisten Städtern wahrscheinlich gar nicht bewusst. Aber, und das wird die Projektveranstalter, Leser, alle hier jetzt wahrscheinlich freuen, aber ich schwöre, ich schwöre, es ist keine Speichelleckerei, ich habe auch mit meinen Berliner Freund*innen darüber geredet: Wenn man einmal anfängt, sich für das, was hier auch kulturell passiert, zu öffnen, ändert sich diese Einstellung ganz schnell und man fragt sich: Wer ist hier eigentlich der/die Hinterwäldler*in beziehungsweise -weltler*in?