Die meisten der 55 Zimmer im Schloss sind vermietet. Was zeichnet das Leben dort aus?
Manche Mieter sind selten da und nutzen ihre Räume als Atelier oder Wochenendsitz. Elf Parteien wohnen dauerhaft dort, einige seit über 40 Jahren, denn wer zieht in ein normales Haus, wenn er einmal in einem solchen Schloss gelebt hat? Dafür sind die Räume zu schön und die Umgebung ist zu idyllisch. Wo sonst gibt es so viel Platz und Ruhe? Die Qualität und Freiheit auf Haus Stapel wissen die Bewohnerinnen und Bewohner sehr zu schätzen. Heizungen gibt es mittlerweile, aber noch nicht in allen Wohnungen.
Kostbar ist die Ausstattung des Festsaals, der nur für besondere Anlässe genutzt wird. Welche Geschichte verbirgt sich hinter seinen Wandmalereien?
Aus dem 1820 in London erschienenen Prachtband „A picturesque tour along the Rhine“ wurden einzelne Motive der darin abgebildeten Rheinlandschaften für den Festsaal ausgewählt. Ein fahrender Künstler bot wohl in Stapel an, seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Der Abendhimmel im Motiv von Schloss Biebrich wurde im Festsaal so positioniert, dass die reale untergehende Sonne auf das Bild scheint. Es ist eine unglaubliche Akribie erkennbar. Man hat für die Ewigkeit gebaut.
Ist bekannt, warum die Wahl auf Rheinlandschaften fiel?
Nein. Der Künstler brachte sie vermutlich in einem Musterbuch mit nach Havixbeck. Laut einer Kunstexpertin war die Gestaltung des Festsaals wahrscheinlich als eine Art Reise gedacht. Damals blieb man oft am Wohnort, fuhr mit der Kutsche nach Münster und wieder zurück – das war’s. Die Landschaften im Festsaal zeigen uns das romantische Rheinland. Wir reisen, ohne den Standort zu verlassen. Und wenn wir nach draußen schauen, sehen wir die Münsterländer Parklandschaft hier zu Hause.
Sie erwähnten bereits die Konzertreihe im Festsaal. Wie ist die Idee entstanden?
Die ersten Konzerte ermöglichte meine Mutter schon vor fast 50 Jahren. Sie war sehr musikliebend und lud hiesige Musiker ein, im Festsaal zu spielen. Als ich die Solistin Heike Hallaschka kennenlernte, hatten wir binnen weniger Tage unser Konzept für klassische Liederabende mit Liedern aus der Zeit der Romantik erstellt. Der Festsaal mit seinem klangvollen alten Flügel ist wie geschaffen für diese Musik. Heike Hallaschka kann mit ihrer traumhaften Stimme die ganze Dramatik dieser tiefgründigen Texte ausdrücken. Zur damaligen Zeit lebte man ja ständig mit dem Tod und dadurch viel ernsthafter als heute. Das Leben konnte extremst kurz sein, wie auch das Schicksal in Stapel belegt: Maria Theresia, Ehefrau von Ernst Constantin, musste fast alle ihre Kinder beerdigen. Das letzte Kind starb zehn Jahre nach ihr.
Die Liederabende sind zugleich eine Hommage an Ihre Ahnin, die berühmte Annette von Droste-Hülshoff, deren Neffe Ihr Urgroßvater war.
Annette wird fast ausschließlich als Dichterin bezeichnet. Aber auch die Musik war ihr wichtig: Sie muss eine gute Sängerin gewesen sein, musizierte für ihre Familie und ließ sich von ihrem Onkel Max das Komponieren beibringen. Dieses Werk von Annette fällt in der Öffentlichkeit leider unter den Tisch. Wir holen es hervor, indem wir zu Beginn jedes Liederabends ein Stück präsentieren, das sie geschaffen hat.
2020 fanden erstmals Picknick-Konzerte im Innenhof statt.
Zuvor hielt ich es wetterbedingt für ein zu großes Risiko, ein Konzert draußen zu veranstalten. Als in der Pandemie dann sämtliche Veranstaltungen ausfielen, überlegten wir spontan, es Open-Air zu versuchen. Statt eines Sektausschanks wie bei unseren Festsaal-Konzerten anzubieten, riefen wir zur Mitnahme eines Picknicks auf. Unsere Gäste haben dann teilweise üppig getafelt, mit edlem Porzellan, Kristallgläsern und Silberbesteck. Die Konzerte sind sehr gut angekommen, mit dem Wetter hatten wir Glück. Es war ein positiver Nebeneffekt der Pandemie. Jetzt werden wir die Reihe jeden Sommer fortsetzen.