Aletia Reilingh im Porträt

Aletia Reilingh
© Münsterland e.V./ Cornelia Höchstetter

Feuer und Flamme für Pferde

Aletia Reilingh, 44, ist gebürtige Kanadierin und hat sich das Münsterland für ihren Lebens-Mittelpunkt ausgesucht. Das Pferdeland ist ideal für ihren Beruf: Sie ist staatlich geprüfte Hufschmiedin und hat diverse Weiterbildungen für Spezialbeschläge absolviert. Außerdem widmet sie sich zusammen mit ihrem Lebensgefährten Björn der Jungpferdeaufzucht auf ihrem Hof in Borken. Im Kleintransporter, der eine komplette Schmiedewerkstatt beheimatet, fährt sie durch das Münsterland, um Pferde mit dem passenden Hufschutz zu versorgen. Immer mit dabei: Corgihündin Mini aus Kanada und ihre Tochter Blueberry, geboren im Münsterland.

„Pferde sind einfach toll. Ich sehe jeden Tag, was sie für unsere Seele machen.“


Woher kommt Ihre große Begeisterung und Liebe zu Pferden, Frau Reilingh?

Ich war schon als Kind völlig pferdeverrückt. Mein erstes Stofftier war ein Einhorn, das hat mich wohl geprägt. Als ich sechs Jahre alt war, kauften meine Eltern einen Hof – ich hatte damit so viel Glück, so viele Möglichkeiten und alle Freiheiten. Mit zwölf Jahren fing ich an, mein erstes eigenes Geld zu verdienen und habe Ställe ausgemistet. In dieser Zeit haben mir meine Eltern ein zweijähriges Pony auf einer Auktion ersteigert – ein aus Missständen gerettetes Pferd. Es hieß Strawberry Cloud und ich habe von ihm so viel für mein Leben gelernt. Ich durfte ihn in einen Stall stellen, der Deal war: Misten gegen Heu. Strawberry Cloud begleitete mich, bis ich 36 Jahre alt war.

Und dann haben Sie beschlossen, Hufschmiedin zu werden?

Nein, zuerst war mein Traum, Tiermedizin zu studieren. Mein Opa war mein großer Unterstützer – er hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Als ich 16 Jahre alt war, gab er mir 10.000 Dollar – eigentlich gedacht für ein Studium. Doch es kam alles anders: Zu der Zeit war eine meiner Freundinnen in einen Engländer verliebt und zog zu ihm nach Großbritannien. Ich habe sie begleitet, besuchte dort eine Boarding School for Riding – das ist eine spezielle Schule für eine professionelle Ausbildung im Pferdebereich. Außerdem hatte ich die Chance, bei bekannten Dressurausbildern zu lernen. Nach eineinhalb Jahren ging ich zurück nach Kanada, lernte dort den Beruf der Hufschmiedin und legte an der University of Guelph den Bachelor für Agrarwissenschaft ab. Mit der kanadischen Geschäftsfrau Sue O’Meara bauten wir unser Leatherstone Equestrian Centre für 25 Pferde auf, wo ich bis 2014 Dressurpferde bis in die schwere Klasse ausbildete.

Was mögen Sie besonders am Münsterland – und wie erleben Sie die Region als Pferdeland?

Wir leben hier in Borken-Marbeck schön idyllisch auf dem Land und doch international, gerade was Pferdesport und Pferdezucht angeht: Wir sind schnell in den Niederlanden oder Belgien, was auch wichtige Pferdeländer sind. Und die großen Städte wie Düsseldorf oder überhaupt das Ruhrgebiet sind leicht zu erreichen. Das Münsterland selbst ist für mich ein einziges großes Pferdeland – ich habe schon in vielen Ländern gelebt, aber ich kenne es kaum, dass in der Tageszeitung so oft etwas über Pferde und über den Reitsport steht. Es ist auch Wahnsinn, weil hier jedes Wochenende mindestens eine Veranstaltung mit Pferden ist. Und dass gleichzeitig so viel geboten wird: zum Beispiel am Pferdezentrum in Münster: Hengstkörung, Fohlen- und Stutenschau und jedes Mal kommen 1000 Leute – in Kanada sind da etwa 20 Zuschauer, weil es so speziell ist. Hier sind Pferde echt ein Stück Kultur – vergleichbar mit den Schützenfesten.

Wie war Ihr Start im Münsterland?

So ganz einfach fand ich es nicht, als Hufschmiedin in die regionale Reiter-Community reinzukommen. Alle meine Zeugnisse mussten übersetzt und eingereicht werden, damit ich auch in Deutschland als staatlich geprüfte Hufschmiedin zugelassen werde. Dank meines super Berufes komme ich aber viel rum und lerne viele Leute kennen – und gepaart mit meiner guten Laune gelingt es mir, auf mich aufmerksam zu machen. Vor allem die Mundpropaganda funktioniert gut. Ich bin pferdeverrückt und will mit meiner Arbeit die Pferde bestmöglich unterstützen.

Was unterscheidet Sie von anderen Hufschmieden?

Ich profitiere von meinem Erfahrungsschatz und meiner offenen und ehrlichen Art, bei der für mich das Wohl des Pferdes an erster Stelle steht. Wenn Du viele Sprachen sprichst, kennst du viele Quellen und sammelst das Wissen. Ich bin auch experimentierfreudig: Es gibt 1000 Wege und mehr, einen Pferdehuf zu beschlagen. Was ich vielleicht auch anders mache als andere Hufschmiede: Ich biete Kurse an, bei denen Pferdebesitzer lernen, wie sie zum Beispiel im Notfall alleine ein Hufeisen abnehmen können.  

Hufschmiedin ist ein körperlich harter Beruf …

Oh nein! Das ist immer wieder die Reaktion in Deutschland. Ich finde das interessant, dass hier so viel Skepsis herrscht. In Kanada ist mir das kein einziges Mal passiert, dass ich diesen Spruch gehört habe: „Ist dir das nicht zu anstrengend?“ Nein! Ich mache doch den Beruf, den ich ausüben möchte! Glücklicherweise melden sich inzwischen manchmal Schulmädchen, die ihren Girls Day mit mir auf Beschlagstour verbringen. Wir brauchen Nachwuchs! Wichtig ist die richtige Technik: Ich achte darauf, den Rücken gerade zu halten. An meinem Hammer habe ich einen Magneten – das ist mein verlängerter Arm, um Nägel aufzuheben. Ich halte auch zum Bearbeiten der Hufe die Hinterbeine der Pferde nicht selbst hoch – dafür gibt es einen speziellen Hocker aus den Niederlanden. Die Pferde lernen schnell, ihren Huf darauf abzulegen. 

Genauso wichtig ist es, einen guten Draht zu den Pferden zu haben, oder?

Ja, du musst sie verstehen. Manchmal zucken sie, wenn man das Hinterbein hält – dann überlege ich, wo das Pferd ein Problem hat. Ältere Pferde sind etwas steif, können den Huf nicht mehr so lange hochhalten und bekommen dann von mir zwischendurch Pausen. Der hier, den ich gerade beschlagen habe, hatte etwas Druck am Huf. Das habe ich gemerkt, als er den Huf zögerlich absetzte, also habe ich die Stelle etwas nachgearbeitet. Als er abschnaubte, wusste ich, dass er nun zufrieden ist. Ich liebe Pferde. Pferde sind einfach toll. Ich sehe jeden Tag, was sie für unsere Seele machen. 

Pflegemittel von Strahlfoili
© Münsterland e.V./Cornelia Höchstetter
Hufschmiedin und Unternehmensgründerin

Aus der Praxis für die Praxis: Aletia Reilingh hat als Hufschmiedin immer wieder mit problematischen Pferdehufen zu tun. Über Jahre konnte sie kein zuverlässiges Pflegemittel für Probleme wie Strahlfäule im Pferdehuf finden. Mit dem Wissen einer Hufschmiedin entwickelt, testete sie die verschiedenen Zusammensetzungen gemeinsam mit Tierärzten und Pferdebesitzern über eineinhalb Jahre, bis sie mit den Ergebnissen zufrieden war. Die Rezeptur, hat sich auch bei brüchigen Hufen, Hohler Wand und vielen anderen Problemen bewährt, weshalb Aletia Reilingh das Mittel patentieren ließ und es „Strahlfoili“ nannte. Mit der Markteinführung Anfang 2023 wurde „Strahlfoili“ auch der Name ihres Unternehmens. Inzwischen gibt es weitere Pflegemittel mit streng ausgesuchten Inhaltsstoffen (etwa reines Lorbeeröl), die über ihren Onlineshop in die ganze Welt vertrieben werden. Des Weiteren bietet Aletia Reilingh Kurse für Pferdefreunde an, die etwas zum Thema Huf lernen möchten, etwa den „SOS Notfall am Huf“-Workshop, und gibt auf Instagram Tipps aus ihrem Hufschmiede-Alltag. 

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