Wie hat das alles angefangen, als Sie den Hof der Eltern zu einem Pferdehof umgestaltet haben?
Ich habe eine kaufmännische Ausbildung im Öffentlichen Dienst in Münster abgelegt und wollte eigentlich Betriebswirtschaftslehre studieren. Dann war ich im Jugendamt tätig. Dort bin ich so stark von Pädagogen, Theologen und Psychologen geprägt worden, dass ich auf Soziale Arbeit umschwenkte. Mein damaliger Gedanke: Um das Studium zu finanzieren kaufe ich ein Shetlandpony und biete zuhause Reitunterricht für Kinder zwischen drei und sechs Jahren an. Das war der Anfang: Es hat alles mit einer Teilselbständigkeit und den entsprechenden Trainer-Ausbildungen begonnen und ging Schritt für Schritt weiter bis heute.
So wurden sie zu Hofnachfolgerin mit einer neuen Geschäftsidee – wie ging das?
Zunächst bot ich Hippotherapie an, eine Form der Physiotherapie auf dem Pferd, dank der dreidimensionalen Schwingung der Pferdebewegung. 2008 überlegte ich gemeinsam mit zwei Freundinnen, das Angebot zu erweitern: Wir dachten an eine Physiotherapiepraxis, einen Seminarraum für Theorieunterricht sowie einen Bewegungsraum für psychomotorische Angebote für Kinder. Also bin ich zur Bank und stellte mein Konzept für den Umbau des Strohbodens vor – mit Erfolg: Wo früher bis zu 15.000 Kleinballen lagerten, entstanden auf rund 400 Quadratmetern genau diese Räume. Seit 2010 nennen wir uns „Reit- und Bewegungszentrum “. Zu dem Zeitpunkt gab es in ganz Deutschland keinen vergleichbaren Betrieb. 2018 kam noch die Ergotherapie dazu, die eigenständig als GmbH mit mir als geschäftsführende Gesellschafterin läuft, sowie die Landwirtschaft und das Reit- und Bewegungszentrum als Einzelunternehmen.
Der Pferdehof ist sicher auch ein Magnet für Kinder, oder?
Wir haben ein präventives Angebot für Kindergärten: Reiten als Gesundheitssport, damit die Kinder in Bewegung kommen. Das Wort „Therapie“ wirkt manchmal stigmatisierend. Also nennen wir das Programm „Bewegungserfahrung mit und auf dem Pferd“. So ein Hobby ist ja so wertvoll: man ist zusammen mit einem Lebewesen und gemeinsam in der Natur. Selbst wenn man in der Reithalle ist, muss man sich entsprechend anziehen, weil man der Witterung ausgesetzt ist. Die Kinder lernen, Verantwortung zu tragen, denn das Pferd kann ohne den Menschen nicht überleben. Wir machen ihnen klar, dass nicht jedes Pferd jeden Tag gleich gut eingesetzt werden kann oder dass ein älteres Pferd immer mal eine Pause braucht. Das lehrt Rücksicht und empathisches Verhalten.
Unter den erwachsenen Reitern sprechen Sie besonders Spät- und Wiedereinsteiger an. Wer sind die?
Schwerpunktmäßig sind es Frauen, häufig junge Mütter, die nach der Geburt ihren Beckenboden trainieren wollen. Aber auch einige Männer melden sich bei uns an. Viele 40- bis 50-Jährige kommen, die schon immer den Traum hatten, zu reiten. Unsere älteste Reiterin ist 80 Jahre alt! Auch bei den erwachsenen Reitern heißt das Angebot „Reiten als Gesundheitssport“. Manche wollen einfach nur die Seele baumeln lassen. Die meisten aber wollen sportlich reiten – aber nicht im Sinne des Leistungssportes. Sie wollen gefordert werden – sich mit dem Pferd bewegen anstatt in das Fitnessstudio zu gehen. Deshalb bieten wir auch Elemente aus der Feldenkrais-Methode auf dem Pferd an, Sitzschulung, Bodenarbeit, Theorieeinheiten bis hin zum Ausreiten und auch Stangenarbeit beziehungsweise Springgymnastik. Die Reitstunden sind immer individuell: Ich spüre die Grundstimmung der Reiter und gestalte darauf aufbauend den Unterricht. Viele reiten immer dasselbe Pferd und bauen eine Bindung auf.