Jessica Mersmann im Porträt

Jessica Mersmann
© Münsterland e.V./ Cornelia Höchstetter

Pferde bewegen uns

Jessica Mersmann, 44, leitet in Laer das Reit- und Bewegungszentrum Hof Mersmann. Sie übernahm 2008 den traditionellen Münsterländer Bauernhof ihrer Eltern und dachte Landwirtschaft neu. Wald und Felder sind teils verpachtet, auf dem Hof leben Pensions- und Lehrpferde. Vorwiegend findet dort Therapeutisches Reiten und Reiten als Gesundheitssport für Kinder und Erwachsene statt. Auf dem Hof ist ein Team von Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Heilpädagogen und Pferdewirten beschäftigt. Kleintiere wie Meerschweinchen, Ziegen und Hühner leben dort gemeinsam mit 40 Pferden. Jessica Mersmann ist selbst Sozialpädagogin sowie Pferdewirtschaftsmeisterin und hat drei Auszubildende. Zudem ist sie Referentin am Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR). 

„Pferde gehen mit allen Menschen völlig wertfrei um.“


Warum geben Pferde Kindern wie Erwachsenen und gesunden wie beeinträchtigten Menschen ein so großartiges Gefühl, Frau Mersmann?

Jeder, der auf dem Pferd sitzt, hat vier gesunde Beine. Es ist nicht möglich, auf dem Pferd zu sitzen und sich nicht zu bewegen. Auf dem Pferdrücken muss man sich ausbalancieren, selbst wenn das Pferd nur steht und atmet. Pferde lösen in uns körperliche Bewegungen aus – und Emotionen: Wir wollen Kontakt zu den Pferden aufnehmen, uns ihnen nähern und sie streicheln. Reiten und das Zusammensein mit Pferden ist eine wunderbare Kombination, auch weil Pferde jedem Menschen absolut wertfrei begegnen – ob jemand im Rollstuhl sitzt, mehrfach beeinträchtigt oder gesund ist. Wir gesunde Menschen müssen manchmal im Kopf bewusst abschalten, um uns auf die Bewegung zu konzentrieren. Menschen, die eine Behinderung haben, spüren dagegen die Bewegung der Pferde viel ausgeprägter. Wieder anders bei Burnout- oder Depressionspatienten: Denen fällt es auf dem Pferderücken viel leichter, mit dem Therapeuten ins Gespräch zu kommen. 

Was sind die Momente in Ihrem Berufsalltag, die Sie immer wieder beeindrucken?

Wenn zum Beispiel die schwerstbehinderten Patienten mit dem Lift auf das Pferd gehoben werden, und wenn die Emotionen nach nur fünf Metern aus ihnen herausbrechen und sie anfangen zu weinen – dann schaudert es mich immer noch.

Sind Sie selbst mit Pferden auf dem Hof aufgewachsen?

Mit Tieren: Hier in Laer, das ist der elterliche Hof – mein Vater ist Landwirt, jetzt im Ruhestand. Er führte einen konventionellen Mischbetrieb mit Bullen- und Schweinemast sowie Milchvieh. Solche Betriebe waren ja bis vor 30 Jahren typisch für das Münsterland. Ich bin als junges Mädchen im Reitverein Laer Dressur und Springen geritten, die Pferde hatten wir zuhause am Hof. 

Wie hat das alles angefangen, als Sie den Hof der Eltern  zu einem Pferdehof umgestaltet haben?   

Ich habe eine kaufmännische Ausbildung im Öffentlichen Dienst in Münster abgelegt und wollte eigentlich Betriebswirtschaftslehre studieren. Dann war ich im Jugendamt tätig. Dort bin ich so stark von Pädagogen, Theologen und Psychologen geprägt worden, dass ich auf Soziale Arbeit umschwenkte. Mein damaliger Gedanke: Um das Studium zu finanzieren kaufe ich ein Shetlandpony und biete zuhause Reitunterricht für Kinder zwischen drei und sechs Jahren an. Das war der Anfang: Es hat alles mit einer Teilselbständigkeit und den entsprechenden Trainer-Ausbildungen begonnen und ging Schritt für Schritt weiter bis heute.

So wurden sie zu Hofnachfolgerin mit einer neuen Geschäftsidee – wie ging das?

Zunächst bot ich Hippotherapie an, eine Form der Physiotherapie auf dem Pferd, dank der dreidimensionalen Schwingung der Pferdebewegung. 2008 überlegte ich gemeinsam mit zwei Freundinnen, das Angebot zu erweitern: Wir dachten an eine Physiotherapiepraxis, einen Seminarraum für Theorieunterricht sowie einen Bewegungsraum für psychomotorische Angebote für Kinder. Also bin ich zur Bank und stellte mein Konzept für den Umbau des Strohbodens vor – mit Erfolg: Wo früher bis zu 15.000 Kleinballen lagerten, entstanden auf rund 400 Quadratmetern genau diese Räume. Seit 2010 nennen wir uns „Reit- und Bewegungszentrum “. Zu dem Zeitpunkt gab es in ganz Deutschland keinen vergleichbaren Betrieb. 2018 kam noch die Ergotherapie dazu, die eigenständig als GmbH mit mir als geschäftsführende Gesellschafterin läuft, sowie die Landwirtschaft und das Reit- und Bewegungszentrum als Einzelunternehmen. 

Der Pferdehof ist sicher auch ein Magnet für Kinder, oder?

Wir haben ein präventives Angebot für Kindergärten: Reiten als Gesundheitssport, damit die Kinder in Bewegung kommen. Das Wort „Therapie“ wirkt manchmal stigmatisierend. Also nennen wir das Programm „Bewegungserfahrung mit und auf dem Pferd“. So ein Hobby ist ja so wertvoll: man ist zusammen mit einem Lebewesen und gemeinsam in der Natur. Selbst wenn man in der Reithalle ist, muss man sich entsprechend anziehen, weil man der Witterung ausgesetzt ist. Die Kinder lernen, Verantwortung zu tragen, denn das Pferd kann ohne den Menschen nicht überleben. Wir machen ihnen klar, dass nicht jedes Pferd jeden Tag gleich gut eingesetzt werden kann oder dass ein älteres Pferd immer mal eine Pause braucht. Das lehrt Rücksicht und empathisches Verhalten. 

Unter den erwachsenen Reitern sprechen Sie besonders Spät- und Wiedereinsteiger an. Wer sind die?

Schwerpunktmäßig sind es Frauen, häufig junge Mütter, die nach der Geburt ihren Beckenboden trainieren wollen. Aber auch einige Männer melden sich bei uns an. Viele 40- bis 50-Jährige kommen, die schon immer den Traum hatten, zu reiten. Unsere älteste Reiterin ist 80 Jahre alt! Auch bei den erwachsenen Reitern heißt das Angebot „Reiten als Gesundheitssport“. Manche wollen einfach nur die Seele baumeln lassen. Die meisten aber wollen sportlich reiten – aber nicht im Sinne des Leistungssportes. Sie wollen gefordert werden – sich mit dem Pferd bewegen anstatt in das Fitnessstudio zu gehen. Deshalb bieten wir auch Elemente aus der Feldenkrais-Methode auf dem Pferd an, Sitzschulung, Bodenarbeit, Theorieeinheiten bis hin zum Ausreiten und auch Stangenarbeit beziehungsweise Springgymnastik. Die Reitstunden sind immer individuell: Ich spüre die Grundstimmung der Reiter und gestalte darauf aufbauend den Unterricht. Viele reiten immer dasselbe Pferd und bauen eine Bindung auf. 

Pferde schaffen also Freundschaften, oder?

Ja, das liegt auch an der guten Stimmung am Hof. Hier ist es wirklich gemeinschaftlich: Man unterstützt sich gegenseitig, die Pensionspferdebesitzer vertreten sich gegenseitig. Die Dienstags-Reitgruppe lädt sich auch gegenseitig außerhalb des Stalls mal ein – und das auch altersgemischt: Die sind zwischen 30 bis 65 Jahre alt. 

Mit Ihren Pferden waren Sie sogar bei den Special Olympics World Games 2023 in Berlin – wie war das?

Ich bekomme immer noch Gänsehaut, weil das ein Wahnsinns-Erlebnis war. Ich habe in Berlin das Turnierreiten auf einer ganz anderen Ebene erlebt: so gemeinschaftlich, so harmonisch. Als die Anfrage Anfang 2023 kam, ob wir unsere Pferde zur Verfügung stellen würden, fingen wir alle vom Hof-Team an, sie vorzubereiten, etwa auf andere Höfe zu fahren, um die Pferde mit unterschiedlichen Orten vertraut zu machen. Im Juni sind wir dann eine Woche vor dem Beginn der Games mit 14 Pferden nach Berlin gefahren, damit sie sich akklimatisieren konnten. Wir machten für jedes Pferd einen Steckbrief, so dass die Zuteilung mit den Athleten der Special Olympics World Games gut passte. 125 Teilnehmer aus 29 Nationen waren am Start. Wir haben 15 Nationen mit unseren Pferden bedient, ein Drittel aller Medaillen haben die Reiter auf unseren Pferden geholt. Es war so schön anzusehen, in welcher Harmonie die Menschen mit geistigen, teils dazu auch mit körperlichen Behinderungen mit den Pferden umgegangen sind. Und umgekehrt, wie die Pferde mitgespielt haben. Wie sie wussten, dass sie ihren Job erfüllen müssen. Ein Beispiel: Die Stute Cilly war unser Ersatzpferd, die musste einspringen und war die Einzige, die bis dahin noch keinem Menschen mit geistiger Behinderung begegnete. Zudem kam sie noch aus dem gehobenen Springsport. Ausgerechnet Cilly ging in der Geschicklichkeitsprüfung so zuverlässig – als ob sie immer wieder fragte: Was soll ich machen?

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