„Hier ist echtes Leben“

Seit 1884 prägt die Familie Pellengahr-Gröblinghoff das Haus Geist in Oelde – es ist ein Leben für die Landwirtschaft. Julius Pellengahr-Gröblinghoff führt den Betrieb in fünfter Generation fort. Im Interview spricht er über neue Ideen in altem Gemäuer und beschreibt, was er fernab des Münsterlandes über sein Zuhause gelernt hat.

Tradition und Verantwortung

Herr Pellengahr-Gröblinghoff, was zeichnet den Charme von Haus Geist aus?

Es beginnt auf dem Weg hierher: Eine schmale, geteerte Straße, eigentlich ein einfacher Wirtschaftsweg, führt durch eine Kastanienallee direkt auf die Hofstelle zu. Alles wird ruhiger, natürlicher. Wenn man dann auf den Hof fährt, öffnet sich eine Anlage aus Rasenflächen, Bäumen und Wiesen, auf denen die Pferde laufen. Dazu kommen die Teichanlagen, die sich um den gesamten Hof und das Wohngebäude schlängeln. Und natürlich die alten Gemäuer, die dem Ort seinen Charakter geben und das Gesamtbild erst richtig rund machen. Haus Geist ist ein aktiver Betrieb und nichts Steriles, das nur für Besucher instandgehalten wird. Hier ist echtes Leben – unsere Pferde, unser Hund, zwei Katzen. Es ist unser Arbeits- und Lebensmittelpunkt. Wir bewahren das Vergangene und führen es lebendig weiter, statt es einfach einzulagern oder herzurichten.

Vor mehr als 140 Jahren fing für Ihre Familie auf Haus Geist alles an. Was geht Ihnen angesichts dieser Tradition durch den Kopf?

Es ist etwas Besonderes, dass so viele Generationen hier gewirkt haben. Unsere Familiengeschichte gibt uns auch die Verantwortung mit auf den Weg, den Betrieb fortzuführen.

In Ihrer Kindheit war das Anwesen für Sie ein Abenteuerspielplatz. Welche Erinnerungen verbinden Sie damit?

Zum Beispiel, wie wir einen Staudamm bauten, weil Haus Geist ja von Wasser umgeben ist. Als Kinder waren wir immer in der Natur unterwegs. Neben dem Spielen wuchsen wir damit auf, dass hier tagein, tagaus Arbeit ansteht. Und man kann ja früh lernen, den Besen in die Hand zu nehmen, das Laub zu harken oder den Rasen zu mähen. Es gehört dazu, ich hatte von klein auf Freude daran und habe es nie als Arbeit interpretiert. Zunehmend war ich dann im Betrieb mit dabei.

Wann stand für Sie fest, den Betrieb zu übernehmen?

Etwas in der Landwirtschaft sollte es beruflich sein, aber ich konnte mir auch anderes als die klassische Variante auf Haus Geist vorstellen. Nach dem Abi bin ich in die landwirtschaftliche Ausbildung gegangen und habe danach mein Studium begonnen. Es gibt viele interessante Möglichkeiten, in der Agrarbranche Fuß zu fassen. Irgendwann habe ich erkannt: Das Ganze ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Die vergangenen 140 Jahre auf Haus Geist waren ein stetiger Wandel, ständig kamen Betriebszweige hinzu und wurden wieder abgeschafft. Haus Geist bietet viel neben der Landwirtschaft, die meine Leidenschaft ist, aber eben nicht nur. In meinen Augen lässt sich noch einiges entwickeln – diese Mischung ist es, die ich will.

Wie kam es zu dieser Erkenntnis?

Ich habe gemerkt, wie viel Freiheit ich habe, Ideen wirklich umzusetzen. Eine wichtige Erkenntnis kam während eines Praktikums in einem größeren mittelständischen Unternehmen: Dort habe ich erlebt, wie lange es dauern kann, bis Entscheidungen abgesegnet sind. Manche Vorgaben erschienen mir unlogisch, trotzdem musste man sich daran halten. Da wurde mir klar, dass ich zu Hause selbst gestalten kann und zugleich eine große Verantwortung trage. Und zwar ohne Ausreden: Wenn etwas nicht funktioniert, kann ich es nicht auf andere schieben – ich bin verantwortlich. Genau das empfinde ich als Privileg.

Entscheidung für Haus Geist

Sie waren vor und während Ihres Studiums längere Zeit im Ausland unterwegs. Hat sich aus der Ferne Ihr Blick auf Haus Geist und das Münsterland verändert? 

Ich habe gesehen, wie spannend, schön und aufregend die Welt sein kann und wie viele interessante Impulse man an anderen Orten bekommt. Gleichzeitig habe ich dadurch schätzen gelernt, was wir hier haben. Von außen war es tatsächlich ein neuer Blick auf mein Zuhause und die Möglichkeiten hier.

Welche Werte Ihrer Familie möchten Sie bewahren?

Wir haben auf Haus Geist lange Zeit als Pächter gelebt und gearbeitet. Ich bin damit aufgewachsen, alles sehr demütig wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein, dass wir hier wirtschaften können und dürfen – immer mit dem Bewusstsein, dass es endlich sein kann. Nach all den Jahren hatten wir die Chance, die Hofstelle mit dem Wohnhaus zu kaufen, und jetzt entstehen für mich völlig neue Rahmenbedingungen: eine andere Verbindlichkeit dem Haus gegenüber und mehr Planungssicherheit für Investitionen, um den Betrieb langfristig weiterentwickeln zu können. Was nicht bedeutet, dass die Demut verschwunden ist.

Wie meinen Sie das?

Es ist ein großes Risiko, hier zu investieren und zu kaufen. Eine Hofstelle zu unterhalten, noch dazu eine alte Wasserburg, ist gebäudetechnisch eine enorme Herausforderung. Für mich steht eine riesige Aufgabe an, die ich mit viel Hingabe bestmöglich erfüllen möchte. Die Verbindung zu Haus Geist – hier aufgewachsen zu sein, das Leben hier zu lieben und hier leben zu wollen – motiviert mich enorm.

Was bedeutet Landwirtschaft für Sie persönlich?

Es ist großartig, die rund um unsere Hofstelle in alle Himmelsrichtungen verteilten Flächen jedes Jahr aufs Neue zu bewirtschaften. Früchte auszusäen, sie durchs Jahr zu begleiten, schließlich zu ernten und direkt an den Endkunden zu vermarkten, hat sehr viel mit Selbstbestimmung zu tun. Ich treffe jeden Tag Entscheidungen und sehe später unmittelbar, was sie bewirken. Nicht alles liegt in meiner Hand, man ist stark vom Wetter abhängig. Es gibt Phasen, in denen am Wochenende oder zu ungewöhnlichen Tages- und Nachtzeiten gearbeitet werden muss, weil das Wetter keine Wochentage kennt. Gleichzeitig schenkt die Landwirtschaft, was andere Berufe so nicht bieten: Am Ende des Tages sieht man, was man geschafft hat. Mit einem vollen Anhänger des eigenen Ernteguts zum Hof zurückzufahren ist ein unheimlich sinngebendes Gefühl.

Ihre Familie produziert Pferdemüsli. Wie ist die Idee entstanden?

Auf dem Hof wurden über Generationen hinweg Pferde gehalten und gezüchtet. Schon lange wurde Hafer für sie angebaut – und teilweise auch für die Genossenschaft. Als dort irgendwann der Absatz zurückging und Kunden verstärkt nach Müsli fragten, hat mein Vater in eine kleine Müslimischanlage investiert. Er begann damit, unser Getreide mit zugekauften Komponenten wie Mineralien, Kräutern oder Maisflocken zu mischen und so das Pferdemüsli Haus Geist herzustellen. Inzwischen ist es das zentrale Standbein unseres Betriebs. Auf diesem Weg vermarkten wir heute unsere Gerste und unseren Hafer – mit einem Produkt, das wir selbst entwickelt haben und dessen USP in unserem eigenen Getreide als Hauptkomponente liegt. Die gesamte Wertschöpfungskette liegt auf Haus Geist.

Ackerbau, Pferdefutter, Events

Sie erwähnten bereits ein weiteres Standbein. Haus Geist ist nun ein Ort für Trauungen, Konzerte und andere Events.

Im Herbst 2024 fand hier im Garten die erste freie Trauung statt, bereits in der ersten Saison folgten weitere Feierlichkeiten. Ab 2026 können Paare auf Haus Geist standesamtlich heiraten. Mittlerweile steht Haus Geist auf drei Beinen: dem Ackerbau, der Pferdefutter-Produktion und der Eventlocation. Der Ackerbau ist unser dauerhaftes Fundament, die Pferdefutter-Produktion ist der Betriebszweig, den mein Vater aufgebaut hat, und die Eventlocation der neueste Bereich, der sich gerade in den Anfängen befindet und auf eine große Nachfrage trifft.

Auf Instagram erreichen Sie viele Menschen mit Einblicken in den Hofalltag. Allein ein Pferde-Video wurde millionenfach angeschaut.

Es war spannend zu sehen, wie ein Video viral geht. Meine Schwester, die unseren Online-Auftritt betreut, hat es aufgenommen und gekonnt als Reel hochgeladen. Es war ein zufälliger Schnappschuss: Unsere Pferde gaben auf der Wiese ein tolles Bild ab. Cool wäre natürlich, so etwas künftig mit geplanten Aufnahmen wieder zu erreichen.

Zum Wandel zählt, dass Sie Haus Geist für Interessierte öffnen. Wie reagieren die Menschen darauf?

Wir bekommen viel positives Feedback von Leuten, die neugierig waren und im Rahmen von Führungen oder Veranstaltungen zu Gast sind. Wir freuen uns, wenn darüber hinaus unsere Privatsphäre weiter geachtet wird. Das vermischt sich manchmal ein bisschen und könnte durch eine Beschilderung künftig besser kommuniziert werden. Grundsätzlich bin ich offen dafür, Einblicke zu geben.

Haus Geist steckt voller Geschichten. Welche dürfen bei einer Führung nicht fehlen?

Es gibt viele Anekdoten, die hier von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Auf Haus Geist fanden zum Beispiel die Diplomatenjagden mit dem Bundespräsidenten statt. Und aus der Zeit, in der die Jesuiten ihre Ordensgemeinschaft hier hatten, kursieren einige eher dubiose Geschichten darüber, wie sie ihren Ablasshandel betrieben haben sollen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Haus Geist?

Ich möchte Haus Geist weiterhin im Zeichen der Familie Pellengahr-Gröblinghoff führen und mich dabei gar nicht zu sehr auf mich selbst beziehen. Klar, ich bin die zentrale Person, die den Betrieb weiterführt, aber das Ganze funktioniert nicht ohne die Familie – ohne Partnerin, Eltern, Geschwister, Nichten, Neffen und alle, die dazugehören. Dahinter steht ein großes Team, das als Familie zusammenhält, und das ist für mich zentral. Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass wir weiterhin viele Veränderungen gestalten, einen besonderen Ort für Besucher und Kunden schaffen und Neues entwickeln können. So kommen Tradition und Innovation zusammen. Auf diese Weise soll Haus Geist weiterhin ein schönes Wahrzeichen für Oelde und das Münsterland bleiben.

Zur Person

Julius Pellengahr-Gröblinghoff, geboren 1996, ist zusammen mit drei Geschwistern auf Haus Geist in Oelde aufgewachsen. Das ursprüngliche Schloss befand sich in Privatbesitz, wurde einst an den Jesuitenorden vererbt und gehörte zuletzt dem Land NRW. 2025 erwarb die Familie Pellengahr-Gröblinghoff das Anwesen.
Informationen zu den Angeboten rund um Haus Geist gibt es auf www.haus-geist-oelde.de.

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