Fischzucht neu gedacht: Der Wolfsbarsch aus dem Münsterland

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© Die Geflossenschaft

Ein Bauernhof im Wandel, zwei Gründer mit Vision: Carl Niehues und Johannes Wolf verbinden moderne Aquakultur mit regionaler Landwirtschaft – nachhaltig, transparent und gemeinschaftlich. Mitten im Münsterland entsteht so die Geflossenschaft: Eine Genossenschaft, die Fischzucht neu denkt und zeigt, wie Tierwohl, Klimaschutz und faire Vermarktung zusammengehen. Erfahre, wie aus einer Idee eine Bewegung wurde – und warum Wolfsbarsch jetzt aus dem Münsterland kommt.

  • Nachhaltige Ernährung
  • Sendenhorst
  • Förderung durch: Europäischen Meeres- und Fischereifonds (EMFAF)
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AUS DEM MÜNSTERLAND IN EINE NEUE ZUKUNFT DER AQUAKULTUR

Auf dem Hof der Familie Niehues in Sendenhorst wurde schon immer Landwirtschaft betrieben. Doch Carl Niehues wusste: einfach den elterlichen Betrieb weiterführen, noch mehr Schweine oder Rinder halten – das war nicht sein Weg. Er suchte nach einer echten Alternative, einer zukunftsfähigen Nische, die Landwirtschaft, Tierwohl und Klimaschutz vereint.

Mitten im Münsterland errichtete Carl mit seiner Frau Louise schließlich eine moderne Salzwasseranlage zur Fischaufzucht – betrieben mit Sonnenenergie und eingebettet in einen geschlossenen Kreislauf, der auch eine Biogasanlage umfasst. Louise leitet die Fischaufzuchtanlage und organisiert die gesamte Produktion. Mit ihrem Engagement sorgt sie dafür, dass täglich höchste Qualität und reibungslose Abläufe garantiert sind.

Zur gleichen Zeit war Johannes Wolf auf der Suche nach einem Ort, an dem seine Leidenschaft für Fisch und seine Überzeugung für nachhaltige Lebensmittelproduktion zusammenkommen konnten. Er ist ausgebildeter Fischwirt, erfahren in Vermarktung und Handel, wollte aber immer etwas anders machen. Er wollte Fischzucht fair, regional und transparent aufstellen.

Durch eine Instagramanzeige wurde Johannes auf den Hof der Familie Niehues aufmerksam. Schnell zeichnete sich ab: Auf dem Gelände geschieht Außergewöhnliches. Während die technische Infrastruktur bereits auf höchstem Niveau war, fehlte es an einer durchdachten Strategie für Vermarktung und Skalierung. Johannes erkannte das Potenzial und brachte umfassende Expertise sowie eine klare Vision ein. Aus dem ersten Besuch entwickelte sich eine tragfähige Partnerschaft. Aus der gemeinsamen Idee entstand die Geflossenschaft – eine innovative Initiative für nachhaltige Aquakultur mit Salzwasser im Binnenland.

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VON DER IDEE ZUR GENOSSENSCHAFT

Die „Geflossenschaft“ ist eine Genossenschaft für nachhaltige Speisefischproduktion, die Ende 2024 offiziell gegründet wurde. Es ist die erste ihrer Art im Bereich Aquakultur in Deutschland. Carl bringt es auf den Punkt: „Die Geflossenschaft ist unser Gegenentwurf zur Marktdominanz großer Handelsketten. Wir setzen auf Mitbestimmung und regionale Wertschöpfung.“ Jeder Betrieb, der sich mit einer Einlage von mindestens 10.000 Euro anschließt, wird Mitglied. Dabei gilt das Prinzip: eine Stimme pro Mitglied, unabhängig der Kapitaleinlage. Mitglieder, die selbst Fisch produzieren, profitieren von einer Abnahmegarantie; zudem übernimmt die Geflossenschaft den Vertrieb, die Logistik und das Marketing.

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TECHNIK TRIFFT TIERWOHL

Die Salzwasseranlage zur Fischaufzucht stammt vom Hersteller Seawater Cubes GmbH und wurde auf Basis langjähriger Forschungsarbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes entwickelt. Auf ca. 120 qm produzieren die Anlagen rund sieben bis acht Tonnen Fisch im Jahr. Gezüchtet werden Schwarmfische wie Dorade oder Wolfsbarsch, da sie sich besonders gut für die Aufzucht eignen. Diese Arten benötigen wenig freien Schwimmraum und lassen sich dadurch effizient in geschlossenen Kreisläufen halten. Die Haltung im Schwarm entspricht dem natürlichen Verhalten der Tiere und trägt maßgeblich zu deren Wohlbefinden sowie zu einem geringen Stressniveau bei.

Mithilfe von Sensoren wurden sowohl das Stressempfinden der Fische als auch die relevanten Umweltfaktoren erfasst, um Tiergesundheit und Wohlbefinden bestmöglich zu gewährleisten. Das Wasser ist glasklar, der Einsatz von Medikamenten oder Antibiotika ist tabu. Der tägliche Wasseraustausch der Anlagen liegt unter einem Prozent – ein extrem geringer Wert, der durch technische Aufbereitung möglich wird. 

Ein weiteres Plus: Mit dem nährstoffreichen Abwasser aus der Fischzucht, das durch Futterreste und Ausscheidungen mit Stickstoff und Phosphor angereichert ist, werden die Felder gedüngt – ein echter Baustein der Kreislaufwirtschaft, bei der nichts verloren geht, sondern alles weiterwirkt. Durch die Kombination aus Photovoltaik, Biogas und Batteriespeichern entsteht eine völlig autarke, klimafreundliche Fischaufzucht mitten in der Region.

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REGIONAL, FRISCH UND TRANSPARENT

Die Produktion, Verarbeitung und Vermarktung erfolgen immer am Standort der Anlage. Der Fisch wird ausschließlich regional vermarktet, etwa an Gastronomiebetriebe oder Endkundinnen und -kunden. Die Wege sind kurz, die Frische ist unschlagbar. „Fischverkauf ist Vertrauenssache“, sagt Carl. Deshalb liefern die Betriebe selbst aus. Kundinnen und Kunden können per App oder im Online-Shop bestellen.

Johannes, der innerhalb der Genossenschaft den Fischvertrieb leitet, koordiniert Absatzmengen und Zielgruppen: „Wir sorgen dafür, dass jeder Fisch seinen Weg findet, mit Planbarkeit, Qualität und fairen Preisen für alle Beteiligten.“

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FISCHZUCHT GEPAART MIT AUFKLÄRUNG

Neben der Fischzucht bietet die Geflossenschaft verschiedene Formate rund um das Thema nachhaltige Ernährung an: Dazu gehören etwa Schulbesuche, Koch-Events oder Informationsveranstaltungen für Verbraucherinnen und Verbraucher. So können Interessierte einen Einblick in die Praxis der modernen Aquakultur gewinnen und die Herkunft ihres Essens besser verstehen.

Die Vision ist klar: In den nächsten drei Jahren sollen deutschlandweit zehn weitere Anlagen entstehen und immer mit dem gleichen Ziel: Fischproduktion neu denken – nachhaltig, regional und gemeinschaftlich.

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Fotoshooting bei Urbanhive
© Münsterland e.V. / Philipp Fölting

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